Wolfgang Pogner

Laborant. Widerstandskämpfer. Hingerichtet.

* 1923   † 1944

 

Lebenslauf

Wolfgang Pogner wurde am 25.12.1923 in Wien geboren. Er arbeitete als Laborant in der Farben- und Lackfabrik Vinzenz Wagner.

Er musste im Alter von 15 Jahren der Hitler-Jugend beitreten. Nach zwei Jahren kam es allerdings zum Ausschluss aus dieser, weil er als Nichtarier galt. Die rassistischen “Nürnberger Gesetze” hatten ihn als “Mischling 1. Grades” eingestuft. Pogners Vater war Jude, der 1938 in die Tschechoslowakei flüchtete. Damals war dies offenbar nicht bekannt gewesen.

Verfasser von Flugzetteln, Denunziation durch einen Bäcker, Verhaftung

Wolfgang Pogner gehörte keiner Widerstandsgruppe an. Ab Sommer 1943 hörte er verbotene ausländische Rundfunksender, darunter auch den Sender Moskau. Im April 1944 schrieb Pogner ein „Flugblatt“ über die Kriegslage und den bevorstehenden Sturz des nationalsozialistischen Regimes „durch das Wiener Proletariat“; zwei weitere Blätter beschrieb er mit den Parolen „Nieder mit den nazistischen Blutsäufern!“ und „Wiener, erschlagt die braunen Bluthunde!“

Er verwahrte die Zettel in seiner Brieftasche, ohne sie weiter zu verbreiten. Eines Tages verlor er seine Brieftasche in einer Bäckerei, was ihm zum Verhängnis wurde. Der Bäcker denunzierte Pogner, woraufhin der junge Mann am 6. Juni 1944 von der Gestapo verhaftet wurde.

Briefe an seine Schwester aus der Untersuchungshaft

Während seiner Untersuchungshaft besuchte ihn seine Schwester, der er auch Briefe schrieb, die von der Eintönigkeit seiner Tage zeugen:

“Die Tage vergehen so einer nach dem anderen, es rührt sich nichts, man sitzt halt und wartet. Es ist für uns alle eine Zeit der Prüfung und die müssen wir durchhalten. Mit der Zeit gewöhnt man sich an alles, sogar an den Häfen. Also bitte, nicht traurig sein, immer Kopf hoch behalten und denken: Es wird vielleicht schon bald besser werden!“

Im September 1944 wurde Wolfgang Pogner mit der Anklageschrift konfrontiert. Angesichts dessen erkannte er spätestens den Ernst der Lage und teilte dies am 23. September 1944 seiner Schwester mit:

„Ich kann Dir leider nicht verhehlen, dass meine Situation sehr ernst ist und dass Du auch auf das Schlimmste gefasst sein musst; freilich dürfen wir nie die Hoffnung verlieren.“

Todesurteil, Gnadengesuch, Hinrichtung

Am 27. Oktober 1944 erfolgte die Verurteilung zum Tode. Wolfgang Pogner bat wenige Tage später, am 1. November 1944, um die Umwandlung der Todesstrafe in eine Zuchthausstrafe.

„Ich befand mich damals wieder, wie so häufig, in einer Gemütsdepression. [...] Auch meine Mitschüler in der Oberschule haben mich wegen meiner Abstammung immer verspottet, sodass ich keinen Verkehr mit Kameraden hatte. Ich musste daher oft über mein Schicksal nachdenken. So war es auch in jener Nacht, als ich den Flugzettel schrieb. Ich weiß nicht mehr, ob ich wirklich jemals die Absicht gehabt habe, diesen Zettel zu vervielfältigen bzw. wegzuwerfen, damit er in die Hände von anderen Leuten kommen sollte.“

Das Gnadengesuch wurde abgelehnt. Die Hinrichtung erfolgte am 5. Dezember 1944.

Aus dem Urteil

“(…) fertigte er auf der im Laboratorium befindlichen Schreibmaschine eine in der Hauptverhandlung verlesene kommunistische Flugschrift an, welche die Überschrift trägt “An die Wiener Arbeiter und Arbeiterinnen!” und sich im staatsfeindlichen und hetzerischen Sinne mit der damaligen Kriegslage des Reiches und dem angeblich bevorstehenden Sturz der nationalsozialistischen Regierung durch das Wiener Proletariat befasst. Außerdem schrieb er noch 2 Blätter voll mit Parolen “Nieder mit den nazistischen Blutsäufern!” und “Wiener, erschlagt die braunen Bluthunde”, um sie nach Zerschneiden als Streuzettel zu verwenden.”

Aus dem Tagebuch der Helga Heimsheimer

"Nur wäre da noch ein Freund von uns zu erwähnen, den du aber nicht kennst. Seine Mutter ist eine Freundin von Mama, sie war auch aus Hohenelbe. Sie wohnten in Groß-Siegharts im Waldviertel. Sein Vater ist Jude und in die Tschechoslowakei geflohen und dort wahrscheinlich umgekommen, denn sie haben nichts mehr von ihm gehört. Seine Mutter ist um Weihnachten 1943 an Gelbsucht gestorben, und nun stand der 20jährige Wolfi mit seiner 19jährigen Schwester Susi allein da. Sie übersiedelten nach Wien und besuchten uns oft. Es war eigentlich mein einziger Freund. Eines Tages wurde auch er eingesperrt, im April 1944, weil er unglückseligerweise seine Brieftasche verlor, in der kommunistische, selbstverfertigte Flugblätter waren. Im November wurde er zum Tode verurteilt, ist aber noch nicht vollstreckt, das Gnadengesuch läuft noch. Sehr erschwerend ist, dass er Mischling ist. Es ist sehr wenig Hoffnung [...] Seine Schwester stünde doch dann ganz allein in der Welt. Er ist doch noch so jung, es wäre wirklich schrecklich. Schon das Sitzen im Landesgericht, wo man doch so wenig zu essen bekommt, wäre genug Strafe für diesen Leichtsinn."

[Anfang Jänner 1945 gibt es noch folgende Eintragung] "Nach 12 Uhr sprach noch der Führer, nachdem er sich lange ausgeschwiegen hatte und die Leute die Gerüchte verbreiteten, dass er tot sei oder wahnsinnig. - Übrigens haben sie den Wolfi, von dem ich dir doch erzählte, schon hingerichtet! Es ist furchtbar traurig. Am 5. Dezember - am 25. Dezember wäre er 21 Jahre geworden."

Auszug aus dem handgeschriebenen Lebenslauf von Susanne Pogner (ohne Datum)

" (...) Wolfi wurde in der siebten Klasse aus der Schule in Waidhofen/Thaya rausgeschmissen, weil er sich eine große kindische Frechheit erlaubt hatte. Es war ein Schock für meine Mutter, aber das achte Schuljahr und die Matura 1942 in Gmünd verliefen direkt besser und angenehmer, weil sich dort niemand für seinen Status als Mischling interessierte. Es war uns - zu meiner großen Erleichterung - nicht erlaubt worden, bei einer der Formationen der Hitlerjugend einzutreten, und so wurden wir auch nicht zum Arbeitsdienst bzw. mein Bruder nicht zum Wehrdienst eingezogen. Er durfte aber auch nicht studieren, und so suchte er sich eine Stelle in Wien und wurde Chemielaborant bei Vinzenz Wagner. (...) Dann war da die Kollegin bei Vinzenz Wagner, Hedi, deren Verlobter aus politischen Gründen eingesperrt war, und die ihm, glaube ich, viel geholfen hat, am Boden zu bleiben ohne seine Ideale zu verleugnen. (...) Unsere Mutter war im Dezember 1943 gestorben, und auch ich war im Frühjahr 1944 nach Wien gekommen, um hier zu arbeiten, ein Jugendtraum den ich mir erfüllte. (...) Und dann das verhängnisvolle Ereignis. Mein Bruder ging mit seiner Kollegin Hedi ins Theater. Am Hinweg ging er in eine Bäckerei, um ein paar Semmeln zu kaufen. Irgendwann fiel ihm auf, dass er seine Brieftasche im Geschäft liegen gelassen hatte, es wurde ihm aber nicht sofort bewusst, dass sich ein Blatt darin befand, dass ihm zum Verhängnis werden könnte. Er hatte im Nachtdienst eine Schreibmaschine zur Verfügung gehabt, und da hat er, ich weiß nicht, um es weiter zu geben oder nur um seine Gedanken zu ordnen und zu äußern, einen Aufruf an eine kommunistische Zelle verfasst. Voll Entsetzen fiel ihm das ein und er sagte es Hedi. Noch heute läuft es ihr kalt über den Rücken, wenn sie an die Szene bei ihrer Gartentüre denkt, wo sie verzweifelt versuchte, ihm klarzumachen, dass er auf keinen Fall nach Hause gehen dürfe. Er solle ihr Fahrrad nehmen und versuchen nach Jugoslawien durchzukommen oder sich irgendwo sonst zu verstecken, nur nicht in die Wohnung gehen. Aber er glaubte ihr nicht, und bei ihm zu Hause wartete die Gestapo. Der Bäcker hatte ihn verraten."

Gedenkort

Im ehemaligen Hinrichtungsraum des Wiener Landesgerichts findet sich sein Name auf einer der Gedenktafeln.

Die Gedenkstätte auf der Gruppe 40, Zentralfriedhof

Weblinks und Quellen


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